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Digital kompetent im Lehramt

Forschungsprojekt soll digitale Lehre vorantreiben

Digitale Medien verändern den Unterricht und die Schule auf allen Ebenen. Am Zentrum für Lehrer*innenbildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist seit 2020 das BMBF-geförderte Projekt „DikoLa: Digital kompetent im Lehramt“ angesiedelt, um Lehramtsstudierende und Lehrkräfte auf den Weg in die Digitalität zu unterstützen. In dem Projekt mit einer Laufzeit von knapp vier Jahren arbeiten unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Matthias Ballod zehn Wissenschaftler*innen und Doktorand*innen. Ines Bieler ist Mitarbeiterin im Projekt und hat sich zu einem Interview mit der GEW Sachsen-Anhalt bereiterklärt. Sie ist seit mehr als 20 Jahren Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Englisch und wurde 2018 mit vollem Stundenkontingent an das Zentrum für Lehrer*innenbildung der MLU abgeordnet.

Frau Bieler, welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Projekt „DikoLa: Digital kompetent im Lehramt“?

Inhaltlich stützt sich unser Projekt auf drei Bereiche: Zum einen wollen wir die Lehrenden beim Lehramtsstudium innerhalb der Universität auf den Weg in die Digitalität unterstützen. Dann haben wir verschiedene Angebote für die Lehramtsstudierenden selbst und der dritte Bereich bezieht sich auf die Vernetzung von Schulen und Universitäten an sich. Das übergeordnete Ziel ist jedoch, dass wir bis zum Ende der Projektlaufzeit die digitale Bildung im Lehramtsstudium curricular verankern können. Wir wollen einen Transfer der digitalen Möglichkeiten von der Theorie in die Praxis und wieder zurück erreichen.

Geben Sie dazu den Lehrkräften und Lehramtsstudierenden konkrete Konzepte an die Hand?

Wir fokussieren zwar die Digitalität, aber uns ist bewusst, dass der Unterricht erstens nicht vollständig digital abläuft und das auch nie so sein wird, denn wir sind Menschen und der Lehrer oder die Lehrerin steht im Mittelpunkt der Ausbildung von Schüler*innen. Die Lehrkraft wird auch immer die Person sein, die das Lernen ermöglicht, aber es ist nun einmal Realität, dass unsere heutige Welt digital geprägt ist und dass die Digitalität zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Wir gehen digital einkaufen, wir verwalten unsere Bankgeschäfte im Internet, lesen die elektronische Zeitung und streamen das Fernsehprogramm. Und genau in dieser Welt müssen sich die Schüler*innen zurechtfinden. Das heißt aber wiederum, dass auch die Lehrer*innen dazu kompetent genug sein müssen, die Medienkompetenz bei den Schüler*innen zu unterstützen oder diese aufzubauen. Das ist allerdings ein Problem, das wir nur anstoßen können, indem wir entsprechende Angebote unterbreiten, weil die curriculare Verankerung noch fehlt.

Wie wollen Sie das umsetzen?

Konkret werden dazu Workshops angeboten, Seminare entwickelt und es werden in dieser ersten Phase in der Universität in verschiedenster Form die Lehrkräfte unterstützt. Wir geben zum Beispiel Tipps, wie die Seminare digitaler gestaltet werden können, weil wir immer davon ausgehen, dass, wenn die Lehrperson digital arbeitet und selbstverständlich digitale Elemente in ihren Unterricht integriert, dies dann die Lernenden auch viel schneller und intuitiver mit aufnehmen. So können aus den Lehramtsstudierenden hoffentlich Lehrkräfte werden, denen das digitale Lehren selbstverständlich wird und die das je nach Klassensituation in ihr Lehrkonzept einbinden können. Sie sollen kompetent bewerten können, was sich am besten umsetzen lässt und ob sie sich beispielsweise für den klassischen Füller oder den Apple-Pencil entscheiden.

Wie groß war der Bedarf, das Projekt „DikoLa: Digital kompetent im Lehramt“ ins Leben zu rufen und wie wird es angenommen?

Der Bedarf ist eindeutig da, wir merken das auch an der größer werdenden Nachfrage, dass dieser Bedarf mehr und mehr wächst. Das liegt natürlich auch an der Pandemie-bedingten Situation, aber auf der anderen Seite ist Corona nicht die Ursache des digitalen Arbeitens, sondern zeigt eigentlich, wie wichtig und selbstverständlich das digitale Arbeiten in der heutigen Zeit sein müsste. Wir merken aber auch, dass die Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte nicht mit einem Fingerschnipp aufgeholt werden können. Es ist noch ein weiter Weg zu gehen.

Was sind da vorrangig die größten Probleme?

Das ist ganz klar das Problem der Ausstattung: Wir können viele Konzepte entwickeln, aber solange die technische Basis nicht da ist, scheitert es an der Umsetzung. Aber jetzt ist die beste Zeit dafür, über die Konzepte nachzudenken, dass, wenn die Technik da ist, man sofort damit arbeiten kann. Andererseits sind teilweise die Haltung und Einstellung zu den digitalen Konzepten und Geräten noch eine Herausforderung. Ergo: Wie bereit bin ich, damit zu arbeiten? Wir wissen ja alle durch aktuelle Diskussionen, dass es da eine Vielzahl von Menschen gibt, die dem sehr skeptisch gegenübersehen und genauso spiegelt sich das bei den Lehrer*innen wider. So heterogen die Gesellschaft ist, so heterogen ist natürlich auch die Lehrer*innenschaft. Es gibt Leute, die die neuen digitalen Formen ablehnen oder zumindest zögerlich gegenüberstehen, und auf der anderen Seite gibt es Kolleg*innen, die sofort alles ausprobieren wollen.

Ist das eine Frage der Generation?

Das wird immer stark vermutet. Bei einer Bildungsforschungstagung habe ich neulich gehört, dass das nicht unbedingt altersabhängig ist, und das kann ich mit meiner Erfahrung auch bestätigen. Vorrangig ist das eine Einstellungssache und wir erleben es häufig, dass gerade die jungen Lehrkräfte, wenn sie nicht schon im Studium digital gearbeitet haben und sich mit den Möglichkeiten des Lehrens und Lernens in der Digitalität vertraut gemacht haben, sich auch schwertun. Berufsanfänger*innen haben bei ihrem Einstieg in den Schulalltag mit sehr vielen Problemen zu kämpfen und dann wird das digitale Arbeiten manchmal als zusätzliche Belastung wahrgenommen. In dem Fall ist nicht unbedingt die Bereitschaft da, sich darauf einzulassen. Aber die Lehrer*innen, die schon einen gewissen Erfahrungsschatz haben, sind dafür offener. Die älteren, erfahreneren Kolleg*innen, die im Berufsalltag gestanden sind, sind durchaus bereit für das digitale Arbeiten. Dem Klischee, je älter die Lehrkraft, desto niedriger die Bereitschaft für digitale Formate, würde ich deutlich widersprechen.

Woran krankt es in Bezug auf die Digitalisierung an den Schulen Ihrer Meinung nach am meisten?

Ich würde da kein Ranking nennen, zumal die Schulsituationen unterschiedlicher nicht sein können. Aber es ist schon wahrzunehmen, dass dem Großteil der Schulen die Ausstattung und die Geräte fehlen; teilweise sind Geräte da, dann fehlt aber der Internetanschluss in ausreichender Bandbreite. Das nutzt ja auch nichts, wenn die Kinder keinen Internetzugang haben. Was die Ausstattung betrifft, gibt es an allen Ecken und Enden Nachholbedarf an den Schulen. Auf der anderen Seite gibt es einen riesigen Nachholbedarf, was die Fortbildungen der Lehrkräfte betrifft. Woher soll die Kompetenz im Umgang mit digitalen Tools kommen? Wir geben da konkrete Konzepte an die Hand, denn es erweitert sich das Handlungsspektrum der Lehrkräfte und das ist wichtig für die Konzipierung des Unterrichts. Die klassischen Fortbildungen haben natürlich noch ihre Berechtigung, aber die können auf keinen Fall den Bedarf abdecken. Da brauchen wir neue Formate, die auf die jeweiligen Schulbedingungen zugeschnitten werden müssen und die auch das Arbeiten über einen längeren Zeitraum hinweg begleiten. Wir müssen das Nachfragen ermöglichen und eine gewisse Flexibilität erwarten, dass man seine Konzepte auch anpassen kann. Wir müssen auf neue Fragen eingehen können, die sich im weiteren Verlauf der Entwicklung auftun. Wir bräuchten eine engere und bessere Verzahnung mit den Schulen, was den Fortbildungsbedarf betrifft.

Führen Sie diesbezüglich Fortbildungen an den Schulen durch?

Ja, wir werden teilweise von den Schulen direkt angesprochen. Wir unterstützen die Schulen in längerer Begleitung, sodass der Theorie-Praxis-Transfer zum Tragen kommt. Es läuft jetzt ein Projekt an, bei dem wir die Zusammenarbeit zwischen Studierenden und den Lehrer*innen im Vorbereitungsdienst ermöglichen. Es gab in der Vergangenheit auch schon aus dem Schulamt Nachfragen zu Fortbildungen. Generell spüren wir den Bedarf und allgemeinen Willen, sich fortzubilden, sowie die Haltung des lebenslangen Lernens. Das Klischee, dass sich die Lehrer*innen abducken, kann ich überhaupt gar nicht bestätigen. Die Masse ist an unseren Angeboten interessiert und möchte einen guten Unterricht unter den jeweiligen Bedingungen an der Schule gestalten.

Was waren die größten Herausforderungen der digitalen Lehre im Lockdown?

Ich sehe das aus der Perspektive einer Lehrerin: Ich glaube, die größte Herausforderung für alle Kolleginnen und Kollegen war diese sofortige Umstellung von null auf hundert vom Analogen ins Digitale, ohne darauf vorbereitet zu sein. Da rächen sich die Versäumnisse aus der Vergangenheit. Das, was jetzt stattfindet, ist nicht das Lernen unter der Digitalität, wie wir uns das vorstellen und wünschen, weil es immer noch einfach an der Ausstattung und an den Konzepten etc. mangelt. Wir brauchen Unterstützung für die Kolleg*innen an den Schulen. Aber der Weg ist bereitet und wir machen uns auf, wirklich massive Unterstützung auf allen Ebenen zu bieten. Die Herausforderung haben die Lehrkräfte an den Schulen so gut es geht im Rahmen ihrer Möglichkeiten geleistet, da wäre aber noch mehr Unterstützung von der Politik nötig gewesen. Es wird sich zeigen, dass wir auch hier noch lange nicht am Ende sind und dass sich noch sehr viel bewegen muss.

 

Die GEW Sachsen-Anhalt bedankt sich für das Gespräch.

 

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