Verfasst von Torsten Richter.

Vorbereitung 2016/17: Schulen in Not und allein gelassen

(Vorabdruck aus "Erziehung und Wissenschaft" 4/2016)

Schulen müssen sich immer stärker selbst helfen – Entlastung ist nicht in Sicht. Auch wenn sicher noch über längere Zeit das Ergebnis der Landtagswahlen und die mehr als schwierige Regierungsbildung die öffentlichen Diskussionen in Sachsen-Anhalt bestimmen werden – das Alltagsleben geht weiter und wichtige Entscheidungen werden nicht warten können. Zu diesen zählt u.a. die Vorbereitung des kommenden neuen Schuljahres, die wie immer bereits mit dem Beginn des zweiten Schulhalbjahres Fahrt aufnimmt. Neben der Klärung zentraler organisatorischer Fragen, wie etwa der nach dem Fortbestand von Schulstandorten und der Besetzung von Leitungsfunktionen, sind dabei vor allem der voraussichtliche Unterrichtsbedarf und die Verfügbarkeit von Lehrkräften abzuschätzen und beides bis zum Schuljahresbeginn möglichst in Übereinstimmung zu bringen.


Lehrkräftemangel führt zu schlechter Unterrichtsversorgung
Bereits im laufenden Schuljahr hat sich jedoch deutlich gezeigt, dass es den Schulbehörden immer weniger gelingt, diese Aufgabe zu meistern. Die Gründe dafür liegen zum einen darin, dass sich derzeit die Schülerzahlen wegen der Migration stärker und schneller ändern, als dies sonst üblich ist, und somit längerfristige Planungen schnell überholt sind. Es liegt aber auch daran, dass den Schulbehörden durch die Fortgeltung der viel zu niedrigen und zudem unflexiblen Begrenzung der Neueinstellungsmöglichkeiten (sogenannter Einstellungskorridor) die Hände gebunden sind, um auf einen erkennbaren Mangel an Lehrkräften rechtzeitig mit weiteren Ausschreibungen und Einstellungen reagieren zu können. Denn bis zuletzt hat das Finanzministerium unter Minister Bullerjahn den Personalabbau in den Schulen mit allen Mitteln verteidigt und jede Diskussion über eine andere Personalpolitik in der schwarz/roten Landesregierung verhindert. Das enge Korsett des Personalentwicklungskonzeptes der inzwischen abgewählten Landesregierung beschneidet immer stärker die Möglichkeiten der Schulen, ihren Schülerinnen und Schülern die bisher gewohnten pädagogischen Angebote unterbreiten zu können. Dabei trifft der grassierende Mangel die Lehrkräfte ebenso wie die Pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Schatten, die schon jetzt in vielen Schulen auf der schlechten Unterrichtsversorgung liegen, werden im kommenden Schuljahr noch viel länger werden und immer mehr Schulen erreichen. Schulen mit einer ausreichenden Unterrichtsversorgung werden zur Ausnahme werden. Schon eine Unterrichtsversorgung von 100 Prozent wird dann bereits als Erfolg gelten, den die Mehrzahl der Schulen jedoch nicht erreichen wird. Für diese düsteren Aussichten gibt es handfeste Gründe. Denn die Schere zwischen dem steigenden Unterrichtsbedarf auf der einen und der stetig sinkenden Zahl von Lehrkräften auf der anderen Seite wird auch im nächsten Schuljahr wieder auseinandergehen.

Im kommenden Schuljahr werden mehr als 500 Lehrkräfte fehlen
So ist davon auszugehen, dass auch im kommenden Schuljahr die Schülerzahl weiter ansteigen wird – vermutlich um mindestens 2.000 Schülerinnen und Schüler, vielleicht auch darüber hinaus. Das liegt neben der erhöhten Zahl von Migranten u.a. auch daran, dass mehr Schülerinnen und Schüler länger in der Schule bleiben, weil sie z.B. die flexible Schuleingangsphase in der Grundschule in drei statt in zwei Jahren absolvieren oder weil sie am Ende ihrer Schulausbildung den Sprung in die gymnasiale Oberstufe und anschließend auch das Abitur schaffen. 

Jedem sollte normalerweise klar sein, dass ein Anwachsen der Schülerzahl auch einen Aufwuchs bei den Lehrkräften erfordert. Man kann da etwa von 70 vollzeitbeschäftigten Lehrkräften je 1.000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler ausgehen. In den letzten drei Schuljahren wurde diese aus dem Schüleraufwuchs (insgesamt etwa 5.700 Schülerinnen und Schüler mehr) resultierende Erhöhung des Unterrichtsbedarfs (insgesamt etwa 400 Vollzeitlehrerinnen und -lehrer) jedoch vollständig durch sogenannte „bedarfsmindernde Maßnahmen" kompensiert. Das geschah weitgehend durch pauschale Kürzungen der Zuweisungen von Lehrerwochenstunden an den Grund-, Förder-, Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Die Gymnasien blieben davon bisher weitgehend verschont. Mit diesen Kürzungen wurde das Unterrichtsangebot allerdings nun schon so weit reduziert, dass bereits „Schmerzgrenzen" überschritten wurden. Somit soll es nach bisherigen Informationen im kommenden Schuljahr wohl keine weiteren Einschnitte in den Stundenzuweisungen geben, so dass der Unterrichtsbedarf durch die Mehrschüler ansteigen wird.

 

Da es bereits im laufenden Schuljahr kaum noch Vertretungsreserven gibt und viele Schulen mit der Unterrichtsversorgung schon jetzt unter 100 Prozent liegen, bedeutet ein steigender Unterrichtsbedarf natürlich, dass die Anzahl der Lehrkräfte, die in den Schulen auch tatsächlich eingesetzt werden können, wieder steigen muss. Das aber wird nicht der Fall sein. Im Gegenteil: Weiterhin werden mehr Lehrkräfte aus dem aktiven Schuldienst ganz ausscheiden oder aber wegen Langzeiterkrankungen, Mutterschutz bzw. anderen Beurlaubungen und Abordnungen nicht zur Verfügung stehen, als derzeit Neueinstellungen geplant sind (420 für das gesamte Jahr 2016). So wird die Zahl der Lehrkräfte in den Schulen auch im kommenden Schuljahr weiter sinken. Die Schätzungen über das zu erwartende Defizit liegen derzeit bei 150 bis 200 Lehrkräften. Außerdem wollen auch immer mehr Lehrkräfte nur noch in Teilzeit arbeiten, um den täglichen Anforderungen noch gewachsen zu sein. Auch dieses Arbeitsvolumen muss durch weitere zusätzliche Einstellungen ersetzt werden.

Nimmt man beide Entwicklungen zusammen – den steigenden Unterrichtsbedarf für die zusätzlich erwarteten 2.000 Schülerinnen und Schüler (140 Vollzeitlehrer) und die befürchtete Reduzierung der Zahl von Stammlehrkräften – müssten mindestens noch einmal 300 Lehrerstellen zum neuen Schuljahr zusätzlich ausgeschrieben werden, allein um das (schlechte) Niveau der Unterrichtsversorgung von diesem Schuljahr halten zu können. Geschieht dies nicht, muss landesweit mit einer Unterrichtsversorgung von unter 99 Prozent gerechnet werden. Um die von der Landesregierung einst versprochene Unterrichtsversorgung von 103 Prozent zu erreichen, müssten insgesamt sogar 550 bis 600 Lehrkräfte zusätzlich zu den bisherigen 420 Neueinstellungen in die Schulen geholt werden. Zusammen wären das rund 1.000 Neueinstellungen im Jahr 2016 – eine Herausforderung, der sich weder die Landesregierung noch die Schulbehörden stellen wollen. Lieber versucht man, wegzuschauen und das Problem der steigenden Schülerzahlen mit einem zu niedrigen Personalbestand zu „untertunneln".

Notmaßnahmen bei Unterrichtsausfall belasten Lehrkräfte
Diese Personalpolitik hat gravierende Auswirkungen auf die Bedingungen in unseren Schulen, die schon heute vielerorts zu spüren sind. Das betrifft natürlich zuerst den Unterrichtsausfall, der in den letzten Jahren beständig zugenommen hat. Weil die Lehrkräfte hoch belastet sind und immer häufiger durch Krankheit ausfallen, weil an immer mehr Schulen keinerlei Reserven zur Unterrichtsvertretung mehr zur Verfügung stehen und weil der grundlegende Mangel an spezifischen Fachlehrkräften immer weiter um sich greift, kann ausfallender Unterricht oft über Wochen und Monate nur noch durch Notmaßnahmen überbrückt werden. Der Umfang des nicht regulär vertretenen Unterrichts betrug im letzten Schuljahr zwei ganze Unterrichtswochen an den allgemeinbildenden Schulen. Spitzenreiter waren dabei die Förderschulen mit drei Unterrichtswochen gefolgt von den Berufsbildenden Schulen mit zweieinhalb Wochen ohne reguläres Unterrichtsangebot.

Zu den Notmaßnahmen zählen vor allem die Zusammenlegung von Klassen und Lerngruppen, die Erteilung von Aufgaben, das Beaufsichtigen beim Ansehen von Videos und der Einsatz von Pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für Vertretungsunterricht. Linderung erhofft man sich scheinbar auch von einem weiteren Ausbau der Tätigkeit von „Honorarlehrern", die befristet und meist für wenige Stunden in die Schulen geholt werden, um die größte Not zu beseitigen. In diesem Jahr stehen hierfür über eine Million Euro zur Verfügung. Dies löst aber die Probleme der Unterrichtsversorgung nicht, sondern ist nichts als  „Flickschusterei", die die Schulleitungen und das Landesschulamt enorm belastet und nur wenige positive Unterrichtseffekte bringt. Greifen auch diese Maßnahmen nicht mehr, müssen Klassen tageweise ganz zu Hause bleiben.

Durch diese Notmaßnahmen, die in der Regel nicht zu einem ordentlichen Unterricht führen (von einigen Ausnahmen wie etwa der Erteilung von Unterricht durch Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgesehen), sondern lediglich der Minimierung des ansonsten drohenden Totalausfalls dienen und diesen somit verschleiern helfen, entstehen Doppelbelastungen für die betroffenen Lehrkräfte, die auf längere Dauer nicht ohne Folgen für die Qualität des eigenen Unterrichts und für die eigene Gesundheit zu verkraften sind. Der rapide Anstieg der Langzeiterkrankungen und des Ausscheidens von Lehrkräften vor dem Erreichen der Altersgrenze sind deutliche Hinweise darauf, dass immer mehr Kolleginnen und Kollegen diesen übermäßigen Anforderungen physisch und psychisch nicht mehr gewachsen sind.

Letztlich beschleunigen diese Notmaßnahmen die Abwärtsspirale aus Krankheit der Lehrkräfte bzw. deren gänzlichem Ausscheiden aus dem Schuldienst und dem dadurch entstehenden Unterrichtsausfall. Wenn Schülerinnen und Schüler morgens in die Schulen geholt werden, obwohl schon am Tag zuvor absehbar ist, dass weniger Lehrkräfte anwesend sein werden, als Klassen bzw. Lerngruppen zu unterrichten sind, oder wenn ganze Unterrichtstage für einzelne Klassen nur noch aus Vertretungsunterricht, Aufgabenzetteln, Selbststudium oder Freistunden bestehen, dann ist dies kein verantwortungsvolles pädagogisches Handeln und es dient auch nicht der Erfüllung der Schulpflicht. Dann ist es für alle Beteiligten besser, wenn Schüler zu Hause bleiben und gegebenenfalls entsprechende Aufgaben erhalten – auch, um dann am nächsten Tag bei geordnetem Schulbetrieb konzentrierter arbeiten zu können. Mit einer fiktiven Absicherung von Unterricht, die letztlich nur auf dem Vertretungsplan zustande kommt, ist am Ende niemandem geholfen.

Missbrauch von Aufsichten an Stelle von Unterricht

Hinzu kommt nun eine neuere Entwicklung, die besonders in den Grundschulen und einigen Förderschulformen zu beobachten ist. Denn immer dann, wenn die Schülerinnen und Schüler für eine bestimmte Zeit noch in der Schule bleiben müssen, obwohl ihnen wegen der zu geringen Zuweisung von Lehrerwochenstunden oder wegen fehlender Lehrkräfte bzw. wegen fehlender Pädagogischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kein pädagogisches Angebot unterbreitet werden kann, verfallen die Schulleitungen mit ausdrücklicher Ermunterung durch die Schulbehörden auf den Dreh, die Schülerinnen und Schüler dann eben nur noch zu „beaufsichtigen". Und das über Zeiträume von bis zu sechzig Minuten und mehr! Denn Aufsicht ist billig. Sie wird den Lehrkräften nicht auf ihre Unterrichtsverpflichtung angerechnet und steht somit scheinbar unbegrenzt zur Verfügung. So meint es jedenfalls das Landesschulamt.

Dies ist aber eine unzulässige Auslegung der Arbeitszeitregelungen. Natürlich müssen Lehrkräfte im erforderlichen Umfang Aufsichten machen und dies gehört dann in der Tat zu ihren Arbeitsaufgaben, die nicht mit ihren Unterrichtsverpflichtungen zu verrechnen sind. Aber es ist trotzdem ihre Arbeitszeit und die darf nicht in einem Segment im beliebigen Umfang – und schon gar nicht unter einer missbräuchlichen Definition – zweckentfremdet ausgeweitet werden. Außerdem ist es auch aus pädagogischer Sicht inakzeptabel, die Schülerinnen und Schüler in der Schule zu behalten und sie dann wegen der Personalnot nicht sinnvoll zu beschäftigen, sondern nur zu „beaufsichtigen". Und das ist nicht der Ausnahmefall, sondern geschieht plan- und regelmäßig.

Selbsthilfe der Schulen tut Not und ist möglich

Die GEW fordert schon seit Monaten vom Kultusministerium, dieser Praxis Einhalt zu gebieten und sich mit dem Lehrerhauptpersonalrat über Art und Umfang von Aufsichten zu verständigen, um damit dem weiteren Missbrauch und der immer stärkeren Belastung der Lehrkräfte entgegenzutreten. Bisher blieb dieses Bemühen leider ohne jeden Erfolg. Es kann aber nicht hingenommen werden, dass man von Seiten der Schulbehörden diese Entwicklung einfach laufen lässt und die Probleme bei den Schulen – und damit letztlich bei den Lehrkräften – ablädt. Deshalb sollten betroffene Schulen selbst nach angemessenen Lösungen suchen, um mit den verfügbaren Personalressourcen vernünftig und im Interesse der Qualität des Unterrichts und der Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Lehrkräfte umzugehen.  Eine zentrale Maßnahme kann dabei an den besonders betroffenen  Grundschulen darin bestehen, mit der Elternvertretung der Schule, den Hortträgern und gegebenenfalls dem Träger der Schülerbeförderung nach Vereinbarungen zu suchen, wie die verlässliche Öffnungszeit der Schule nach dem Schulgesetz den tatsächlich verfügbaren Personalkapazitäten angepasst und somit – zumindest vorrübergehend – modifiziert werden kann. Denkbar wären Regelungen, die Schule am Morgen teilweise nicht mit der ersten sondern erst mit der zweiten Stunde zu beginnen (besonders bei den kleinsten Schülern eine durchaus sinnvolle Maßnahme) oder aber die Kinder von den Eltern bzw. durch die Schülerbeförderung am Ende des Schultages früher von der Schule abholen zu lassen. In einem offenen Austausch mit allen Beteiligten sollten in vielen Fällen bessere Lösungen gefunden werden können, als Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte verantwortungslos mit stundenlangen Aufsichten zu belasten.

Es steht den meisten Schulen erneut ein Schuljahr bevor, das noch um einiges schwieriger werden wird als das laufende Schuljahr. Solange in einer neuen Landesregierung nicht rigoros umgesteuert und ein Mehrfaches an Lehrkräften – und endlich auch an Pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – ausgebildet und eingestellt wird, ist diese Entwicklung und der weitere Niedergang in unseren Schulen nicht aufzuhalten. Es kann nur so viel (gute) Schule gemacht werden, wie für die anstehenden Aufgaben auch ausgebildete, gesunde, motivierte – und somit leistungsfähige – Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Den Schulen helfen dabei weder Wunschdenken noch Gesundbeten – es hilft nur klares Handeln.

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