12_gew.png  

 



mitglied werden

Buchtipp zum Personalen Lernen

Neue Anregungen für pädagogisches Handeln

Mit diesem äußerst interessanten und empfehlenswerten Buch nimmt Fritz Bohnsack (Jahrgang 1923) Stellung zu schulischem Lernen und zur Lehrerbildung unter der Perspektive des personalen Lernens. In der Stärkung der Person besteht für ihn die zentrale Aufgabe von Erziehung und Bildung und damit zugleich für Lehrerinnen und Lehrer sowie für deren Qualifizierung zum Lehrberuf. Gestützt und bestärkt in dieser Perspektive sieht sich Bohnsack durch aktuelle Entwicklungstrends wie etwa die Bedeutungsverschiebung vom Lehren zum Lernen bzw. vom Lehrenden zum Lernenden ebenso wie vom formalen (schulisch-institutionalisierten) zum informellen Lernen im Alltag und später auch im Beruf. Aus seiner Sicht besteht in institutionalisierten Bildungsprozessen ein Problem darin, der jeweiligen Person – Lernenden wie Lehrenden – gerecht zu werden.

Es fehlt in unseren Schulen als bewusstes Ziel die personale Entwicklung und Stabilisierung der Heranwachsenden. Personales Lernen wird fast nur in Reformschulen konsequent in den Blick genommen, während andernorts Formen des Konkurrierens und der Kontrolle dominieren – mit empirisch belegten problematischen Wirkungen. Bohnsack erinnert daran, dass Lernen einen Beitrag leisten soll und muss zur Person-Werdung, Identitätsbildung und Mündigkeit. Im Angesicht der menschheitsbedrohenden Aspekte globaler Entwicklungen ist personales Lernen darüber hinaus notwendig zum „Überleben der Menschheit“. Die wünschenswerte gesellschaftliche Entwicklung in und zu einer lebendigen Demokratie benötigt innerlich gefestigte Menschen denen – als Teile einer „lernenden Weltbevölkerung“ –, bewusst ist, dass Dinge und Menschen in unserer Welt als Wesen mit eigenem Bedürfnis und Recht anerkannt werden sollen.
Bohnsack stützt seine Argumentationen und Vorschläge auf umfangreiche Literaturstudien, vor allem aber auf das Lebenswerk zweier „Klassiker“: Martin Buber im Hinblick auf das Konzept der Person und John Dewey bezüglich des reformpädagogischen Ansatzes.

Nach Darlegung des Person-Konzeptes im ersten Kapitel wird im zweiten Kapitel detailliert auf die zahlreichen Facetten des außerschulischen „informellen“ Lernens und auch auf dessen Bedeutung für eine Reform der Schule eingegangen. Der dritte Teil des Buches behandelt das problematische Verhältnis zwischen schulischem Lernen und Personalität. Dabei geht es um so umstrittene Aspekte wie das Konzept der „Leistung“, die Mit- und Selbstbestimmung auch der Schülerinnen und Schüler, die Autorität und Personalität der Lehrkräfte, um deren Belastung, „Hygiene“ und Selbsterziehung sowie um heute erforderliche Veränderungen der Lehrerrolle.
Der 4. Teil behandelt die Lehrerbildung. Bohnsack bedauert, dass die übliche Lehrerbildung die Entwicklung und Stärkung personaler Aspekte nicht vorsieht bzw. diese geradezu tabuisiert. Und er fordert, dass Lehrerbildung wieder stärker ein Bildungsprozess wird, der Raum lässt für die „Chance, eine Person zu werden“.

Vorgelegt wurde also – recht verstanden – eine „Streitschrift“ dafür, in Schule und Lehrerbildung die Entwicklung und Stärkung der Person ernst zu nehmen. Konsequenzen aus dieser Zielsetzung werden differenziert behandelt. Dabei verwendet Bohnsack vielfach Ergebnisse der empirischen Forschung, lehnt jedoch deren heute von der „Zunft“ angestrebte Beschränkung auf im strengen Sinne beweisbare Fakten unter Ausschließung normativer Aussagen ab, weil er diesen Purismus für kontraproduktiv hält.

Zu empfehlen ist das Buch insbesondere Lehrern, Lehrerbildnern sowie Lehramtsstudierenden. Es regt dazu an, das eigene Handeln in pädagogischen Prozessen kritisch zu reflektieren, neu zu orientieren. Die jüngsten Erfahrungen im Zusammenhang der coronabedingten Schulschließungen unterstreichen die große Bedeutung eines solchen Zieles.
Das Buch gibt aus dem reformpädagogischen Erfahrungsschatz eine Fülle von Anregungen mit dem Ziel, den Leser zu provozieren und zudem zu motivieren, sich für die Freude in einem schwierigen Beruf zu öffnen. Es ist zu wünschen, dass es tatsächlich als Beitrag und Anstoß für eine breite Diskussion zum personalen Lernen in Schule und Lehrerbildung genutzt wird.

Hartmut Wenzel

Fritz Bohnsack: Personales Lernen – ernst genommen. Verlag Barbara Budrich 2019;
ISBN: 978-3-8474-2355-3; 21,90 €; 184 Seiten, Paperback

Drucken E-Mail

Don't have an account yet? Register Now!

Sign in to your account