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Zum Zweifeln und Verzweifeln: Zwei Kommentare über eine nicht gehaltene Rede

Anmerkung eines Gymnasiallehrers zur nicht gehaltenen Rede der CDU-Landtagsabgeordneten Angela Gorr: Für Sachlichkeit und gegen Totschlag-Argumente

Wenn ich mir das Manuskript ihrer nicht gehaltenen Rede durchlese, überkommen mich Zweifel. Zweifel daran, ob wir Bürger*innen unsere Macht durch Wahlen immer in die Hände von Abgeordnet*innen geben, die ihren Aufgaben gewachsen sind.

In Ihrer nicht gehaltenen Rede als Landtagsabgeordnete und bildungspolitische Sprecherin der CDU anlässlich unserer Veranstaltung am 31. Januar 2019 zur Kampagne JA 13 in Magdeburg bedienen Sie sich genau dessen, was man sonst gerne mal der GEW vorwirft, nämlich ideologischer Argumentation. Und zwar einer Ideologie aus dem 19. Jahrhundert nach dem Motto „kleine Kinder – kleines Geld“.

 

 

In einer Sache haben Sie, Frau Gorr, allerdings recht. Grundschullehrkräfte und Gymnasiallehrkräfte haben verschiedene fachliche Voraussetzungen. Ja genau, sie wurden auch für unterschiedliche pädagogische Anforderungsprofile ausgebildet. Aber unterschiedlich ausgebildet heißt nicht automatisch, dass deren Arbeit von unterschiedlichem Wert ist. Das, Frau Gorr, ist Ständedenken aus dem 19. Jahrhundert und fällt völlig aus unserer Zeit. Im Übrigen wird die Frage, wo man welche Lehrkraft einsetzen kann, in Sachsen-Anhalt durch unser Schulgesetz in § 30 Absatz (3) geregelt. Da steht aber nicht, das von Ihnen formulierte Ausschlussprinzip für den Einsatz von Grundschullehrkräften in der gymnasialen Oberstufe. Natürlich haben die Lehrkräfte in den einzelnen Schulformen unterschiedliche pädagogische und fachliche Anforderungen zu bewältigen, aber sie haben alle den gleichen Arbeitsschwerpunkt, an der Erziehung und Bildung unserer Kinder mitzuwirken. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass dies für ein achtjähriges Kind nicht so viel Stellenwert hat, wie für eine/n 16jährigen Jugendliche/n. Also warum dann Unterschiede bei der Bezahlung? Für mich jedenfalls sind die Aufgaben und Anforderungen einer Grundschullehrkraft und einer Gymnasiallehrkraft gleichwertig.

Die GEW will dabei auch nicht, wie von Ihnen behauptet, die Unterschiede zwischen den Schulformen aufheben. Das alt bekannte Totschlag-Argument von der „Einheitsschule“ und des „Einheitslehrers“ hat offenbar nie ausgedient, denn auch dies muss in Ihrer Nichtrede mal wieder herhalten. Offenbar haben Sie, Frau Gorr, keine tieferen Kenntnisse über bildungspolitische Tatsachen in Sachsen-Anhalt. Sie hätten als „Expertin“ eigentlich wissen müssen, dass die Frage der Eingruppierung von Lehrkräften keine Aufgabe von Tarifpartnern ist, wie Sie es behaupten. Nein, dies wird im Beamtenrecht des Landes Sachsen-Anhalt geregelt, dessen Landtag Sie angehören, der der Gesetzgeber in Sachsen-Anhalt ist und der bei der Bezahlung von Grundschullehrkräften schon etwas ändern kann.

Wir als GEW wollen Schulen, an denen Lehrkräfte ihr jeweiliges spezifisches Fachwissen optimal anwenden können, zum Wohle der Kinder und Jugendlichen, und wir wollen, dass alle Lehrkräfte dafür angemessen bezahlt werden. Hierfür gibt es derzeit in Sachsen-Anhalt viel Handlungsbedarf und dafür bitten wir Sie, sich einzusetzen.

David Penke,
Lehrer am Europagymnasium Bitterfeld


Anmerkung eines Sekundarschullehrers zur nicht gehaltenen Rede der CDU-Landtagsabgeordneten Angela Gorr:

 „Um es gleich vorneweg zu sagen“, das Beste an dieser Rede der CDU-Landtagsabgeordneten Angela Gorr ist die Tatsache, dass sie am 31. Januar bei der GEW-Aktion vor dem Landtag nicht öffentlich gehalten wurde! Denn sie lässt mich (ver)zweifeln. An der Bildung. Aber an welcher? Da gibt es doch tatsächlich Länder, welche die Vermessenheit besitzen, Grundschullehrkräften A 13/E 13 zu gewähren, ohne sich vorher bei Frau Gorr über die Folgen informiert zu haben. Warum tun die das? Nun gut, den älteren Kolleg*innen in Brandenburg und Sachsen steckt die Gleichmacherei sicher noch in den Genen. Bei Berlin ist das teilweise auch noch vorstellbar, hat aber mittlerweile schon auf die gesamte Stadt übergegriffen. Dort werden ab August auch die Bestandskolleg*innen „verdreizehnt“. Aber selbst im „Hohen Norden“ schlägt’s 13: Schleswig-Holstein hat einen Stufenplan zur Höhergruppierung aufgelegt. Ist das nun eine Vorstufe zum Kommunismus oder sollte etwa bildungspolitische Vernunft unter tatkräftiger Mithilfe der GEW das Zepter geführt haben? Nur so eine Vermutung, die bei der bildungspolitischen Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion wohl noch nicht so ganz durchgedrungen ist. 

Ein Blick auf die Karte zeigt uns nun aber, dass einige dieser Bundesländer erschreckend intensiv an Sachsen-Anhalt grenzen. Berlin liegt ebenfalls irgendwie in Reichweite. Das dürfte Studierenden des Lehramts Grundschule auf Dauer nicht verborgen bleiben. Aber auch gestandene Kolleg*innen könnten schon mal einen unruhigen Blick nach Nordosten und Südosten werfen. Das Ergebnis wäre dann wirklich Migration der ungewollten Art. Sachsen-Anhalt löst brav die Personalprobleme anderer Bundesländer! Immerhin ein solidarischer Gedanke.

Soweit zu personellen und damit letztlich auch ökonomischen Überlegungen. Bliebe noch die qualitativ-moralische Seite von Frau Gorrs Redemanuskript. Und da wird es nun richtig ernst! Durch eine Anhebung des Einstiegsamtes im Grundschulbereich auf A 13/E 13 würden Gerechtigkeitsaspekte nicht beseitigt, sondern verstärkt hervorgerufen, ist da zu lesen. Was ist damit wohl gemeint? Sicher nicht die Tatsache, dass Grundschullehrer*innen die höchste aller Pflichtstunden und -zahlen haben. Und auch nicht die Tatsache, dass in der Primarstufe das größte Maß an Heterogenität in den Klassen herrscht! Das Spektrum reicht von hochbegabten Schüler*innen über die ihrerseits breitgefächerte „Mitte“ bis zum GU (der in sich ebenfalls hinreichend differenziert ist). Aber lassen wir mal das Thema Inklusion und deren Ausgestaltung hier beiseite ... Hinzu kommen Migrationshintergründe ohne Spracherfahrung, jahrgangsübergreifender Unterricht in der Eingangsphase und nun dank Schulgesetz auch in 3./4. sowie eine erschreckende Häufung von Aufsichten.

Sicher, Frau Gorr hat Recht, eine Grundschullehrkraft sollte nicht an einem Gymnasium eingesetzt werden, woran eine besoldungsrechtliche Gleichstellung im Übrigen auch nichts ändern würde. Genauso wenig aber sollte eine Lehrkraft mit gymnasialer Ausbildung an einer Grundschule zum Einsatz kommen. Und auch das hat fachliche Gründe. Ich habe in meiner beruflichen Praxis Erfahrungen gesammelt als Klassenlehrer in einer Hauptschulklasse (hatten wir tatsächlich mal!), in einer Gymnasialklasse und natürlich an der Sekundarschule. Aber an zwei Schulformen würde ich mich garantiert nicht heranwagen: Grundschule und Förderschule! Die Gefahr fundamentaler Fehler bei der Vermittlung von Grundfertigkeiten mit Auswirkungen für die weitere schulische Laufbahn wäre einfach zu groß. Am Gymnasium sollte man sich mit Integralrechnung, wissenschaftspropädeutischen Arbeitsweisen und der Methodik ihrer Vermittlung auskennen, in der Primarstufe mit ausgefeilter Pädagogik und Methodik für junge Persönlichkeiten.

Sollte man das ernsthaft gegeneinander aufwiegen? Und, wenn ja, was kommt dabei heraus? Bestimmt keine Berechtigung zur fiskalischen Abqualifizierung einer Berufsgruppe aus der mutmaßlichen Sicht einer Zeit, als man noch Volksschulen und höhere Lehranstalten kannte. Das sollte man als bildungspolitische Sprecherin einzuschätzen eigentlich in der Lage sein, namentlich dann, wenn die eigene Vita eine Ausbildung als Lehrerin (ohne Erfahrung im Schuldienst an allgemeinbildenden Schulen) ausweist. An manchen Grundschulen versucht fast die Hälfte der Schüler*innen, anschließend die gymnasiale Laufbahn einzuschlagen. Wer hat ihnen eigentlich in den vergangenen Jahren die notwendigen Grundlagen vermittelt, die sie dann dazu befähigen? Oder lernen ehemalige Grundschüler*innen erst an den weiterführenden Schulen richtig Lesen, Schreiben und Rechnen? Von mir wird jedenfalls kein von überkommenem Standesdünkel geleiteter Aufschrei nach Verlust von „Gerechtigkeitsaspekten“ zu hören sein, sollten Grundschullehrer*innen endlich die gleiche Eingruppierung erhalten wie die Kolleg*innen meiner Schulform! Und was sagt uns nun eine solche Nicht-Rede? Nichts Signifikantes über Vielfalt der qualitativen Anforderungen an Grundschulen, aber viel über bildungspolitische Einfalt. Mal konsequent weiterdenken: Sind Neonatologen eigentlich auch richtige Ärzte?

Stefan Hofmann,
Sekundarschullehrer in Halberstadt

 

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